Der Kanal von Korinth

Den 1. Januar lasse ich recht geruhsam angehen. Ausschlafen ist angesagt. Als ich ein letztes Mal vor meiner Abreise eine Ladung schmutzige Wäsche zum Waschen an der Rezeption abgebe, erzählt mir Penelope, die netteste Angestellten hier im Hostel, dass sie eine Horrornacht hinter sich hat. Da ihre Schicht hier im Hostel um 7 Uhr begann, hatte sie Sylvester zuhause mit ihrer Mutter und ihrem Hund gefeiert. Ihre Mutter hatte dann wohl einen Topf mit Frittierfett auf dem Herd vergessen, das prompt anfing zu brennen. Bei den Löschversuchen verbrannte sich ihre Mutter am Bein und die Küche scheint wohl ziemlich ruiniert zu sein. Zum Glück konnte Penelope jedoch Schlimmeres verhindern, da sie das Feuer mit einem Fußabtreter im Topf ersticken konnte, so dass die Feuerwehr nicht anrücken musste.
Das tut mir natürlich wirklich Leid für sie! Das muss wirklich ein Alptraum gewesen sein.

Leider erfahre ich erst jetzt, dass in Griechenland nicht nur am 1. sondern sogar auch noch am 2. Januar so ziemlich alle Geschäfte geschlossen haben. Damit hatte ich nicht gerechnet, denn selbst über die Weihnachtsfeiertage und auch am 31. Dezember, der ein Sonntag war, hatten die meisten Geschäfte (zumindest die Supermärkte, Bäcker usw.) geöffnet.

Zum Glück habe ich noch genügend Reste im Kühlschrank deponiert, so dass ich gegen Mittag mir schließlich ein Mahl aus Spaghetti, Zwiebeln, Spiegeleiern, Erbsen und einer halben Tomate zusammen braue. In der Lobby erhalte ich das Lob, dass mein Essen immer sehr lecker riechen würde. Liegt vermutlich daran, dass ich gerne angedünstete Zwiebeln verwende. Als sich die Koreanerin Sua, die auch beim Feuerwerk mit dabei war, zu mir gesellt, biete ich ihr etwas von meinen Kochkünsten an und sie scheint davon tatsächlich recht begeistert zu sein. Auf ihre Frage, ob das ein typisch deutsches Gericht sei, muss ich ihr jedoch lachend erklären, dass das eigentlich nur Resteverwertung war. Ihr schmeckt’s trotzdem und sie nimmt dankend noch eine zweite Portion.

Da Sua erst seit zwei Tagen in Athen ist, verabreden wir uns, abends gemeinsam noch mal den Philapapos-Hügel zu besteigen und uns den Sonnenuntergang anzuschauen.

Bis dahin versuche ich noch mal etwas Schlaf nachzuholen, was mir jedoch leider nicht gelingt, da zur gleichen Zeit die Reinigungskraft, die leer gewordenen Betten richtet und den Fußboden saugt. Also setze ich mich wieder an meinen Laptop und schreibe an meinem Blog, den ich in den letzten Tagen etwas vernachlässigt hatte. Außerdem muss ich auch noch eine Übernachtungsmöglichkeit in der Nähe von Korinth organisieren, was sich als gar nicht so einfach heraus stellt, da es dort scheinbar kein einziges Hostel gibt – zumindest finde ich keins. Ich buche schließlich ein günstiges Apartment über AirBnB für 26 Euro pro Nacht in Loutraki, das direkt auf der anderen Seite des Kanal von Korinth liegt.

Zur verabredeten Zeit treffe ich mich mit Sua in der Lobby und wir machen uns auf den Weg den Philapapos-Hügel zu besteigen. Dort angekommen bietet sich uns nicht nur der, wie erwartet atemberaubende Sonnenuntergang über dem Hafen sondern auch noch ein Vollmond dicht über der Akropolis, was ich so auch noch nicht erlebt hatte. Meine Begleiterin ist sichtbar begeistert und schickt die Fotos von ihrem Handy direkt an ihre Eltern in Korea. Da wir auch noch ein paar Fotos vom nächtlichen Athen machen wollen, setzen wir uns auf einen kleinen Felsen mit Blick auf die Akropolis und unterhalten uns fast eine Stunde lang. Erneut lerne ich viel von deren Kultur und ihrer Sicht auf die Welt und vor allem über deren (angespanntes) Verhältnis zu China und Japan. Als ich sie zu Nordkorea befrage, erfahre ich erstaunt, dass zumindest die jungen Südkoreaner eine Wiedervereinigung mit dem Norden ablehnend gegenüber stehen, da ihnen das zu teuer erscheint und als Beleg dafür die Kosten der deutschen Wiedervereinigung heran ziehen. Auch erfahre ich, dass sie einen Krieg zwischen Nord- und Südkorea für völlig abwegig halten, da sie wohl die leeren Drohungen von Kim Jong-un völlig kalt lässt. Ich bin mir nicht sicher, ob sie da nicht die Rolle Amerikas unterschätzen.

Zurück im Hostel kocht Sua dieses Mal für uns beide ein leckeres Gericht mit Curry und Reis. Ein seltsamer Amerikaner, der sich zu uns gesellt, erweist sich nicht nur als Trump-Anhänger sondern ist auch noch so unhöflich, die von Sua angebotene Schale mit etwas von ihrem leckeren Curry halb voll stehen zu lassen. Zum Glück unterhält er sich dann doch lieber mit einem Norweger über Steak-Restaurants in Philadelphia.

Am nächsten Morgen packe ich nach einer heißen Dusche meinen sieben Sachen zusammen. Nach einem leichten Frühstück mache ich mich auf, mein Motorrad aus der Tiefgarage zu holen. Zum Glück finde ich es dort auch tatsächlich noch völlig unversehrt vor. Ich parke schließlich direkt vor dem Hostel und lade meine Koffer auf. Während dessen erscheint Sua in der Lobby und bestaunt mein großes Motorrad und will jede Menge Fotos von mir machen. Auch andere Reisende gesellen sich dazu und machen ebenfalls Fotos von mir und meinem Motorrad. Schließlich verabschiede ich mich von allen herzlich und alle wünschen mir eine gute und sichere Weiterreise.

Die Fahrt durch Athen in Richtung Südwesten erweist sich als recht entspannt, da heute am 2. Januar in Griechenland ja wohl auch noch ein Feiertag ist und entsprechend gering ist der Verkehr. Ich komme zunächst am Hafen vorbei, den ich bisher immer nur von Weitem gesehen hatte. Da ich es nicht eilig habe, will ich natürlich nicht über die Autobahn, sondern fahre immer der Küste entlang.

Noch ganz in der Nähe des Hafens entdecke ich ein gekentertes Schiff, dass nahe an der Küste auf der Seite liegt. Ich halte kurz an und mache ein paar Fotos.

Da ich nach nur ca. 1 Stunde bereits in Loutraki ankomme und ich eigentlich erst ab 15 Uhr in mein Appartement einchecken kann, mache ich mich gleich mal auf, den Kanal von Korinth zu besichtigen.

Laut meiner Navi-App gibt es ziemlich genau in der Mitte eine Fußgängerbrücke; also ist das mein erstes Ziel. Dort angekommen, parke ich mein Motorrad in der Nähe und marschiere zur Brücke. Zu meiner Überraschung macht die Gegend eher den Eindruck einer Müllkippe als einer Touristen-Attraktion.

Der ca. 6 km lange Kanal verbindet den Saronischen Golf mit dem Golf von Korinth und erspart so den Schiffen die etwa 400 km lange und nicht ungefährliche Fahrt rund um die Peloponnes. Schon im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. gab es hier einen Schiffskarrenweg, mit dem die Schiffe über Land gezogen wurden. In römischer Zeit wurde dann zum ersten Mal der Bau eines Kanal durch Kaiser Nero begonnen. Als Nero jedoch drei Monate verstarb, wurde das Projekt wieder eingestellt. Erst 1893 wurde der Kanal schließlich fertig gestellt.

Heute hat der Kanal jedoch kaum mehr eine Bedeutung für die Schifffahrt, da er für die heutigen Schiffe schlicht viel zu klein ist. Heute wird der Kanal hauptsächlich nur noch von Fähren und Touristenschiffen genutzt.

Als ich schließlich auf der Fußgängerbrücke stehe, muss ich ehrlich gestehen, dass ich ihn mir auch deutlich größer vorgestellt hatte. Trotzdem ist die Höhe, der fast senkrechten Seitenwände von ca. 75 Metern recht beachtlich.

Ich fahre schließlich auch noch an das Ende des Kanals, das in den Golf von Korinth mündet. Dort befindet sich eine kleine Hebebrücke, die leider von Fußgängern nicht betreten werden darf, da sie recht schmal ist.

Da es inzwischen kurz vor 15 Uhr ist, mache ich mich auf den Weg zu meinem gemieteten Apartment. Zum Glück kann ich mein Motorrad direkt vor dem Haus in einem ruhigen Seitenweg direkt an der Uferpromenade abstellen. Wie mir der Vermieter geschildert hat, hole ich den Schlüssel in der kleinen Bar, die sich im Erdgeschoss befindet ab und fahre mit dem Lift hinauf in den 5. Stock. Das Apartment stellt sich als sehr karg ausgestattet heraus. Der Kühlschrank scheint nicht zu funktionieren und Toilettenpapier ist auch keins vorhanden (zum Glück habe ich eigenes dabei). Die Fernbedienung der “Air Condition” funktioniert auch nicht, obwohl ich es auch mit meinen vollen Akkus versuche. Da sie zwar läuft, aber leider nicht heizt, bedeutet das nur eine völlig unnötige Lärmbelästigung. Auch meine Versuche sie über die Sicherung abzuschalten führen zu keinem Erfolg, da es im Sicherungskasten keine Sicherung für sie gibt. Zum Glück gibt es jedoch zwei kleine Elektroheizungen, die ich sofort auf volle Leistung stelle. Wie ich später noch bemerke ist leider die Internetverbindung auch noch so lahm, dass man damit kaum vernünftig arbeiten kann. Einzig die Aussicht direkt aufs Meer und die Uferpromenade ist super. Trotzdem wird dieses Apartment von mir bei AirBnB sicher keine gute Bewertung erhalten.

Da es noch nicht spät ist, schnappe ich mir meine Kamera und mache mich auf den Weg. Die Stadt wirkt wie ausgestorben und wie befürchtet sind auch fast alle Läden und leider auch alle Supermärkte geschlossen. Da Loutraki am Rand eines ca. 1.300 Meter hohen Berges liegt und ich aus der Ferne eine kleine Antennenstation auf halber Höhe entdecke, mache ich mich auf den Weg dort hin. Oben angekommen hat man einen sagenhaften Ausblick über die ganze Stadt bis hinüber nach Korinth und weit über den Golf von Korinth auf die peloponnesische Halbinsel.

Als kurz vor 18 Uhr die Sonne untergeht, mache ich mich wieder auf den Rückweg zu meinem Apartment und ärgere mich den Rest des Abends über die lahme Internetverbindung.





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