Mostar

Vom Krieg zerrissen

Am Morgen strahlt wieder die Sonne, ist aber auch recht frisch. Während ich meine Sachen auf meinem Motorrad verstaue, begegnet mir wieder das ältere Pärchen aus Kalifornien, mit denen ich schon vor ein paar Tagen ein Schwätzchen gehalten hatte. Schon damals zeigte vor allem sie sich sehr begeistert über mein Vorhaben eine Weltreise mit dem Motorrad zu machen. Doch schon bald fing sie an von Jesus Christus zu predigen und dass er mich auf meiner Reise beschützen möge usw. Verrückte Amerikaner halt. Und heute ließen die beiden es sich sogar nicht nehmen, mir die Hand aufzulegen und für mich ein Gebet zu sprechen. Ich denke nur: „Gut, wenn es sie glücklich macht.“ und lasse es über mich ergehen.

Doch dann schwinge ich mich auf mein Bike und starte Richtung Süden. Zunächst nach Omis, einem kleinen Örtchen ca. 20 km südlich von Split. Vor 26 Jahren war ich schon mal hier. Das war noch zu der Zeit als das Land noch Jugoslawien hieß. Damals war ich zusammen mit meinem besten Kumpel Rupert die ganze Strecke bis nach Omis getrampt um unseren Klassenkameraden Dennis zu besuchen, der hier jedes Jahr seine Sommerferien mit seinen Eltern verbrachte. Für die Strecke von Deutschland bis nach Omis hatten wir damals 3 Tage gebraucht und waren bei vielen verrückten Typen mitgefahren. Für den Heimweg brauchten wir nur einen Tag, da wir völlig überraschend einen Ravensburger Ingenieur auf von Escher Wyss angehalten hatten, der dort unten ein Tragflächenboot reparieren musste. Er nahm uns tatsächlich die ganze Strecke bis nach Hause mit.
Woran ich mich auch noch lebhaft erinnere, war die galoppierende Inflation damals. Innerhalb der einen Woche, die wir dort waren hatten die jugoslawischen Drachmen um die Hälfte an Wert verloren. Da wir damals mit D-Mark bezahlten, wurden wir behandelt wie Könige, da für die Jugoslawen die stabile deutsche Währung permanent an Wert zu nahm. Damals ahnten wir noch nicht, wohin das noch führen würde und nur 1-2 Jahre später brach der Krieg aus.

Ich fahre also langsam durch Omis und halte hier und da auch mal an. Aber ich erkenne das kleine Städchen kaum wieder. Die großen Campingplätze und die große Halle und viele Wohnblöcke gab es damals alle noch nicht.

Ich fahre weiter. Jetzt ist mein Ziel Mostar in Bosnien Herzegowina. Zum einen möchte ich gerne die berühmte Brücke „Stari most“, die zum UNESCO Weltkulturerbe zählt sehen und wenn ich schon hier bin, möchte ich auch ein Bisschen was von Bosnien Herzegowina sehen und nicht einfach nur dran vorbei fahren.

Direkt hinter Omis biegt die Straße Richtung Landesinnere ab und führt im Slalom steil hinauf ins Gebirge. Da Mostar eine ganze Ecke weg ist, entscheide ich mich ausnahmsweise für die Autobahn, damit ich nicht zu spät in Mostar ankomme. Die Landschaft ist atemberaubend schön, doch dank Autobahn gibt es fast keine Möglichkeit auch mal anzuhalten und Fotos zu machen.
Außerdem ist es noch kälter als ich gedacht hatte (4-7 Grad). Daher ziehe ich beim nächsten Tankstop noch eine extra Jacke unter meine Motorradmontur und wechsle zu den dickeren Handschuhen.

An der Grenze angekommen, erlebe ich ein absurdes Spiel. Zunächst muss ich an der Mautstelle halten, um meine Autobahn-Maut zu bezahlen. 500 Meter weiter kommt der erste Grenzposten. Der junge Kerl hinter dem Schalter will zum ersten Mal auf meiner Reise nicht nur meinen Pass sehen, sondern auch die Fahrzeugpapiere. Dann winkt er mich durch. Nach weiteren 500 Metern kommt der zweite Grenzposten. Dort muss ich seltsamer Weise gleich zweimal meinen Reisepass vorzeigen – warum auch immer. Schließlich bin ich in Bosnien Herzegowina. Doch nach weiteren 500 Metern wieder eine Mautstelle für die Autobahn. Dieses Mal muss ich jedoch schon bei der Auffahrt auf die Autobahn bezahlen und nicht nur ein Ticket ziehen und dann hinter her zahlen. Warum das so ist, erfahre ich dann ca. 5 km später, als urplötzlich die Autobahn einfach aufhört. Aha, dann habe ich die umgerechnet rund 1,20 Euro also für 5 km Autobahn bezahlt. Na das hat sich ja mal gelohnt!

Also geht es auf der Landstraße weiter. Da mir einfällt, dass ich ja gar kein Bargeld für dieses Land habe und mir noch etwas zu Essen kaufen sollte, mache ich an einem großen Kaufhaus Halt, bei dem ich mir sicher bin, dass die auch Karten akzeptieren.

Schließlich komme ich in Mostar an, das recht spektakulär in einem weiten Tal zwischen beeindruckenden, fast 2000 Meter hohen Bergen liegt und von dem türkisfarbenen Fluß Neretva in zwei Teile geteilt wird. Schon bei meiner Suche nach einem Parkplatz in der Nähe der Altstadt fallen mir die zahlreichen Häuserruinen auf, die übersät sind mit Einschusslöchern und Granattreffern. Bekanntlich war Mostar im Bosnienkrieg stark umkämpft und selbst die berühmte Brücke „Stari most“ aus dem 14. Jahrhundert wurde von den Kroaten am 9. November 1993 zerstört. Sechs der verantwortlichen Offiziere wurden später dafür und für weitere Kriegsverbrechen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Inzwischen wurde sie jedoch wieder aufgebaut und 2005 zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Dennoch sind die Spuren des Krieges hier an fast jeder Straßenecke noch deutlich zu sehen. Kaum ein größeres und noch nicht renoviertes Haus, dass keine Einschusslöcher aufzuweisen hat. Und überall stehen noch immer völlig zerschossene Ruinen, als wäre der Krieg gerade erst zu Ende gegangen.

Zerschossene Gebäude in Mostar

Zerschossene Gebäude in Mostar

Ganz in der Nähe meines Parkplatzes, komme ich sogar am berüchtigten „Sniper-Tower“ vorbei, von dem ich schon im Internet gelesen hatte. Das war vor dem Krieg ein recht hohes und modernes Bankgebäude. Während des Krieges diente es dann wohl vor allem Scharfschützen als Versteck mit Blick über die ganze Stadt – daher der Name. Auch heute noch steht es als nacktes, verfallenes Betonskelett hochaufragend fast mitten in der Stadt. Unglaublich wie offen hier die Wunden des Krieges noch zu Tage treten.

Sniper-Tower in Mostar

Sniper-Tower in Mostar

Auf meinem Weg zur „Stari most“-Brücke, werde ich in einer Gasse plötzlich von einem Mann auf fliesend Deutsch angesprochen, ob ich aus Deutschland komme. Als ich zurück frage, woher er das wisse, meinte er, das würde man mir ansehen. OK!? Sofort kommen wir ins Gespräch und er zeigt sich schwer beeindruckt darüber, dass ich mit dem Motorrad von Deutschland bis hier her gefahren bin. Er erzählt mir, dass er nach dem Krieg 3 Jahre in Deutschland gelebt und auch eine deutsche Frau geheiratet hätte. In Deutschland hätte er sich zum Polizisten ausbilden lassen und hätte dann zurück in seiner Heimat 7 Jahre in einer Spezialeinheit der Polizei gedient, bis er schließlich angeschossen wurde und fast ein Jahr nicht mehr laufen konnte. Nun sei er Frührentner, würde aber auch für einen Sicherheitsdienst arbeiten. Schließlich fragt er mich, ob er mir irgendwie helfen könnte. Ich ergreife die Gelegenheit und frage ihn, ob er wisse, wo ich eine günstige Übernachtungsmöglichkeit finden könnte. Er überlegt kurz und meint dann, er würde mich zu einer guten Freundin bringen, die auch Zimmer vermietet. Ich folge ihm und wie sich heraus stellt, bekomme ich ein großes Zimmer mit Küche und Bad direkt in der Altstadt für umgerechnet 25,- Euro mit Frühstück und kostenlosen Getränken in der Kneipe gegenüber (die scheinbar auch der Freundin gehört). Doch besonders freut mich, dass ich sogar mein Motorrad im abgeschlossenen Innenhof direkt vor meinem Fenster parken kann, so dass ich mir keine Sorgen machen muss. Ich hole mein Motorrad und bringe meine Sachen in mein Zimmer. Nach einem Kaffee in der Bar, mache ich mich mit meiner Kamera auf, die Stadt zu erkunden.

Die Altstadt und natürlich auch die Brücke „Stari most“ sind wirklich bezaubernd schön. In den engen Gassen wird sowohl Touristen-Kitsch aber auch viel echtes Kunsthandwerk angeboten. Man merkt schon an den Auslagen in den Fenstern sehr deutlich, dass Mostar eine mehrheitlich Muslimisch geprägte Stadt ist und spätestens als der Muezzin lautstark zum Gebet aufruft, kommt schon ein gewisses orientalisches Gefühl auf.

Zurück in meinem Zimmer bemerke ich, dass die „Heizung“ mehr Lärm als Wärme produziert. Ich muss mich also wohl auf eine recht kalte Nacht einstellen.

Nach meinem Abendessen warte ich bis es dunkel ist und mache mich zu einer zweiten Fototour durch die Altstadt auf. Gerade als ich wieder auf der Brücke „Stari most“ stehe und fotografiere, ertönen gleich von drei verschiedenen Moscheen die Rufe zum Abendgebet durch die ganze Stadt.





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