Durchs Gebirge nach Sparta

Nach dem Aufstehen und Duschen gehe ich runter in die Lobby für mein Frühstück.
Dimitri begrüßt mich wie immer sehr überschwänglich. Kurz darauf eröffnet er mir, dass es einen Moment länger dauert, da das Brot nicht mehr gut sei und er noch schnell eins unten beim Becker kaufen müsse. Dann setzt er sich in sein altes Auto und braust los. Die 200 Meter hätte er vermutlich genauso schnell zu Fuß zurück gelegt. Ich warte und mache mir schon mal einen Kaffee. Leider scheint die Milch auch nicht mehr gut zu sein, da sie sofort ausflockt.
Kurz darauf kommt Dimitri mit heulendem Motor den Berg hochgeschossen und verschwindet wieder in der Küche. Als er mir schließlich wieder das übliche Frühstück, mit gebratenem Speck, zwei Spiegeleiern und Toast serviert, mache ich ihn auf die verdorbene Milch in meinem Kaffee aufmerksam, wofür er sich erneut überschwänglich entschuldigt und mir sofort neue bringt.

Da ich in Sparta nicht vor 15 Uhr einchecken kann, habe ich mehr als genügend Zeit. Also packe ich ganz gemütlich meine Sachen zusammen und checke noch mal meine E-Mails, bevor ich alles auf dem Motorrad verstaue und schließlich losfahre.

Da ich bei dem herrlichen Wetter natürlich nicht über die Autobahn brettern will, habe ich mir einen Weg ausgesucht, der mich zunächst entlang der Küste nach Süden bis nach Leonidi und dann über das Parnon-Gebirge nach Sparta führt. Das ist zwar ein ordentlicher Umweg, dürfte jedoch landschaftlich wesentlich schöner sein, als durch die Täler der Autobahn zu folgen.
Vor allem freue ich mich mal wieder durch ein »richtiges« Gebirge fahren zu können und bin gespannt, ob mich der Pass bis hinauf zur Schneegrenze führt.

Zunächst passiere ich wieder Nafplio. Dieses Mal jedoch am Hafen entlang. Und wieder sehe ich die qualmenden Schornsteine, der beiden Fabriken, die ich schon in den vergangenen Tagen von Weitem immer sehen konnte. Da heute der dicke Qualm vom Wind dicht über den Boden hinaus aufs Meer geblasen wird, komme ich in den ungebetenen Genuss, mit dem Motorrad am Hafen direkt durch die dicke – und wie ich feststellen muss, auch stinkende – Suppe durchfahren zu müssen. Selbst als ich schon etliche Kilometer weiter südlich die Küste entlang fahre, liegt der Qualm noch wie ein Teppich über dem Meer. Was für eine Sauerei!

Ansonsten ist die Küste natürlich ein Traum. Bei herrlichem Wetter führt die Straße um jede Bucht und mal die Steilklippen hinauf und anschließend wieder hinab zum Meer. Fast schon eine kleine Achterbahnfahrt – also genau, was Motorradfahrer lieben! Die kleinen Orte am Meer scheinen in erster Linie Touristen-Näster zu sein, größten Teils Hotels und Ferienapartments. Zu dieser Jahreszeit jedoch wie ausgestorben.

Bei Lakkos biege ich von der Küstenstraße in Richtung Westen ab und komme als Erstes in den kleinen Ort Leonidi der am Fuße des Parnon-Gebirges liegt. Die Straße führt mitten durch den verwinkelten Ort und ist teilweise so schmal, dass ich mehrfach anhalten muss, um entgegenkommende Autos vorbei zu lassen. Direkt hinter dem Ort, geht es sofort in Serpentine hinauf in die Berge. Nach einer Weile stelle ich fest, dass ich hier scheinbar völlig alleine unterwegs bin und tatsächlich kommt mir während meiner gesamten Fahrt durch das Parnon-Gebirge gerade mal ein einziges Auto entgegen. Im Gegensatz dazu, stehen öfter mal ein paar Ziegen auf der Fahrbahn rum und springen davon, sobald ich näher komme.
Ungefähr auf halber Strecke auf meinem Weg durchs Gebirge entdecke ich plötzlich hoch oben in einer Felswand ein Kloster, das sich dort recht spektakulär in den Felsen schmiegt. Ich halte an, mache ein paar Fotos und checke auf meiner Navi-App, wie man dort hinkommt. Zu meiner Überraschung scheint mich mein Weg ohnehin direkt dort oben vorbei zu führen, was man sich von hier unten kaum vorstellen kann.
Aber tatsächlich führt mich ein Stück weiter eine enge Serpentine immer weiter in die Höhe, bis schließlich nach einer Haarnadelkurve ein kleiner Parkplatz am Straßenrand erscheint. Ich halte an und schließe meinen Helm und meine Motorradjacke am Motorrad fest und marschiere den kleinen Weg in Richtung des Klosters, das laut Schild „Moni Elonis“. Kurz bevor das Kloster in Sichtweite kommt, erhebt sich direkt über mir ein riesiger, überhängender Felsen und zu meiner Überraschung klettert dort oben im Überhang gerade ein junger Mann. Unten am Fuß des Felsens stehen zwei junge Frauen, die den Mann dort oben mit Seilen sichern und mir freundlich zuwinken, als ich vorbei laufe.
Mein Verdacht, dass das Kloster noch bewohnt ist, bestätigt sich, als mich sofort ein Mönch begrüßt, als ich nach dem offenen Tor die Treppe herunter steige. Ich frage ihn, ob er Englisch spricht, was er verneint. Also versuche ich ihn mit Gesten zu fragen, ob es ok ist, dass ich mich umsehe. Er macht eine Geste, dass ich willkommen sei. Da das Kloster recht klein ist, und die meisten Türen recht »privaten« Eindruck machen, betrete ich nur die kleine Kapppelle am anderen Ende. Als ich wieder Richtung Ausgang schlendere, bietet mir der freundliche Mönch etwas in einer Schale an, was auf den ersten Blick wie Weihrauch-Bröckchen aussieht. Als der Mönch jedoch meint »Suggar«, nehme ich ein Stückchen und tatsächlich handelt es sich um eine Art süßen Fruchtgele. Ich bedanke mich herzlich. Obwohl ich bis jetzt ausschließlich Englisch mit ihm gesprochen habe, fragt mich der Mönch plötzlich: »German?« Ich bestätige. Meine Frage, woran er das erkannt habe, versteht er jedoch leider nicht, so dass ich mich bis jetzt noch frage, woran er das wohl erkannt haben mag.

Später lese ich im Internet, dass das Kloster eigentlich seit 1972 ein Nonnenkloster ist und von 4 Nonnen bewohnt wird. Ich frage mich, warum ich dann von einem Mönch begrüßt wurde?
Der Legende nach, beginnt die Geschichte des Klosters im Jahre 1300 n.Chr. als dort oben eine brennende Öllampe gefunden wurde. Zwei Einsiedler bauten daraufhin an dieser Stelle ein kleines Kloster mit zwei Zellen. Die beiden wurden jedoch von Räubern umgebracht. Beim Versuch sie auch noch auszurauben, wurde einer der Räuber so von der Öllampe geblendet, dass er erblindete. Die Einwohner des Nachbardorfes Kosmas beteten für sie, und der Geblendete erhielt das Augenlicht wieder und die Räuber bereuten ihre Sünden. Später erlangten die Räuber in der Türkei einflussreiche Positionen und unterstützten fortan das Kloster.

Zurück auf dem Parkplatz schaue ich mir neugierig das Nummernschild des VW-Buses an, mit dem offensichtlich die Kletterer gekommen sein müssen, da sonst kein anderes Auto zu sehen ist. Italienisches Kennzeichen.
Ich steige auf mein Motorrad und fahre weiter den Berg hinauf. Schließlich bin ich so hoch, dass an einigen besonders schattigen Stellen, noch immer ein paar Schneereste liegen.
Als ich schließlich am Gipfel des Berges ankomme, führt die Straße eine ganze Weile auf einer Hochebene entlang bis zu einem winzigen Ort namens »Kosmas«, der recht spektakulär am Hang liegt. Die Straßen durch den Ort sind ähnlich eng und verwinkelt wie in Leonidi, doch dieses Mal, kommt mir zum Glück kein Auto entgegen.

Kurz hinter Kosmas bietet sich mir ein beeindruckendes, aber auch Sorgen bereitendes Naturschauspiel: Dichte Wolken, die vom Westen herkommen, fließen wie überkochende Milch über den Bergkamm und lösen sich auf der Ostseite sofort auf. Die Sonne taucht das ganze Spektakel in ein fast schon surreales Licht.
Abgesehen von ein paar schönen Fotos, bedeutet das für mich jedoch auch, dass es ab jetzt vorbei ist, mit dem herrlichen Wetter. Wenn ich Pech habe, regnet es auf der anderen Seite oder es schneit sogar. Also packe ich mich etwas wärmer ein und tausche die Sonnenbrille gegen meine normale Brille.
Die ersten paar Kilometer den Berg hinab ist es leicht nebelig und die Straßen sind nass. Aber zu meiner großen Erleichterung fällt weder Schnee noch Regen und die Temperaturen liegen immer noch über 7 Grad. Das sind zwar fast 10 Grad weniger, wie auf der Ostseite, aber mit abnehmender Höhe, wird es schnell wieder wärmer.
Erstaunlicherweise, sind die Straßen auf dieser Seite des Gebirges in sehr gutem Zustand, an manchen Stellen sogar wie frisch geteert und statt Haarnadelkurven, schlängelt sich die Straße in weiten Kurven den Berg hinab, so dass ich weite Strecken sogar mit der maximal erlaubten Geschwindigkeit von 90 Kmh fahren kann.

Am Fuße des Gebirges geht die Landschaft in sanfte Hügel über, die fast ausschließlich mit Olivenbäumen bewachsen sind. Die Olivenernte scheint in vollem Gang zu sein, da ich überall Menschen sehe, die volle Erntekörbe auf Pickups verladen.

Mein Navi zeigt mir an, dass ich nur noch wenige Kilometer von Sparta entfernt bin, aber so weit mein Auge reicht, kann ich nirgendwo Anzeichen einer größeren Stadt erkennen. Als ich schließlich an ein kleines Dorf komme, das unter mir an einem Hang liegt, erkenne ich, dass ich seit dem Fuß des Gebirges wohl noch auf einer Art Plateau unterwegs war, da sich nun vor mir ein riesiges Tal ausbreitet, in dessen Mitte die Stadt Sparta liegt.
Als ich an die Stadtgrenze komme, muss ich erst mal tanken, da ich buchstäblich mit dem letzten Tropfen Sprit unterwegs bin, da es im Gebirge natürlich nirgendwo eine Tankstelle gab. (Zur Not habe ich aber auch einen vollen 2-Liter-Kanister an meinem Koffer befestigt, so dass ich mir keine großen Sorgen machen musste.)
An der Adresse, wo ich mir über AirBnB ein Zimmer gemietet habe, begrüßt mich Dimitri sehr freundlich und zeigt mir mein Zimmer. Da ich ein »privates« Zimmer in einer Wohnung mit gemeinsam genutztem Bad/Küche gemietet habe, war ich davon ausgegangen, dass ich mir die Wohnung mit Dimitri und seiner Familie teile. Wie sich jetzt aber herausstellt, vermietet Dimitri alle Zimmer einer Dreizimmerwohnung, jeweils einzeln an Gäste, die sich dann eben das Bad und die Küche teilen müssen. Da ich aber momentan der einzige Gast bin, habe ich also nun praktisch eine riesige Wohnung ganz für mich alleine. Für 20 Euro pro Nacht, kann sich das sehen lassen.
Dimitri spricht perfekt Englisch, da er, wie sich herausstellt, eigentlich aus Kalifornien kommt. Er wohnt in der Wohnung über mir und ist zur Zeit auch damit beschäftigt seine eigenen Oliven zu ernten. In der Küche präsentiert er mir eine Flasche seines selbst gepressten Olivenöls und ein Glas Meersalz und meint, damit könnte ich mir das beste Salatdressing zubereiten, dass man sich vorstellen könnte. Außerdem schenkt er mir noch eine Tüte voll mit Orangen, ebenfalls aus eigenem Anbau.
Ich lasse mir noch erklären, wo ich einen Supermarkt finde und dann verabschiedet sich Dimitri.
Kurze Zeit später mache ich mich auf, den von Dimitri beschriebenen Supermarkt zu suchen und finde ihn schließlich auch. Unterwegs fällt mir auf, dass die Straßen in Sparta scheinbar fast alle extrem breit sind, so dass man den Eindruck hat, dass selbst die kleinste Nebenstraße drei- oder sogar vierspurig ist. Vermutlich liegt das daran, dass das moderne Sparta erst im Jahr 1834 wieder neu gegründet wurde und damals wohl recht großzügig geplant wurde. Da Sparta bis heute aber eher eine Kleinstadt geblieben ist, wirken die Straßen fast gespenstisch »leer« bzw. völlig überdimensioniert. Nur jede Menge Hunde und Katzen lümmeln in den Straßen herum, sonst ist recht wenig los. Die in den Hinterhöfen krähenden Hähne und gackernden Hühner verleihen der ganzen Szenerie fast schon etwas absurd ländliches.

Zurück in meinem Apartment versuche ich das WLAN zum Laufen zu bringen, scheitere jedoch damit. Als ich Dimitri gerade im Treppenhaus höre, spreche ich ihn darauf an und er erklärt sich sofort bereit mir zu helfen. Doch auch er hat zunächst kein Glück. Erst nach einer halben Ewigkeit bekomme ich schließlich mit meinem Laptop eine Verbindung ins Internet.
Dimitri verabschiedet sich wieder und ich mache mir etwas zu Essen.
Als ich später erneut am Laptop sitze, hat sich die Internet-Verbindung längst wieder verabschiedet und auch den Rest des Abends bekomme ich keine Verbindung mehr zustande. Das kann ja heiter werden…





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