Auf nach Istanbul

17. Februar 2018

Mein nächstes Ziel ist Istanbul. Von Thessaloniki bis Istanbul sind es fast genau 600km. Also nochmal 100km mehr als von Athen bis nach Thessaloniki. Und leider ist das Wetter auch nicht gerade sehr prikelnd, so dass ich mich gut einpacken muss.
Auf meinem Weg nach Osten komme ich zunächst an zwei großen Seen, dem Limni Koronia und dem Limni Volvi, vorbei. Dann geht’s zurück ans Meer und vorbei am Berg Pangaion durch ein Tal. Schließlich gehts wieder an einem Nationalpark entlang, der wieder aus einem rießigen Feuchtgebiet besteht und somit leider nicht wirklich viel fürs Auge bietet.
Bei Alexandroupolis, der letzten größeren Stadt vor der Grenze, beginnt es zu regnen.
Vor der Grenze wartet eine mehrere kilometerlange Schlange von LKWs auf Einlass in die Türkei. Ich fahre an allen vorbei bis vor zum Grenzposten und stelle mich hinter den PKWs an. Einer der Grenzbeamten läuft durch die wartende Schlange und lässt jeden den Kofferraum öffnen. Auch mich verschohnt er nicht und will zumindest einen Blick in mein Topcase werfen. Nach einer gefühlten Ewigkeit bin schließlich ich dran. Nach Prüfung meines Reisepasses, meiner Fahrzeugpapiere und meiner grünen Versicherungskarte, darf ich weiter fahren bis zum nächsten Posten. Dort wird nochmal meine Fahrzeugpapiere und meine Versicherungspapiere geprüft. Dann gehts zum dritten Posten, wo ich erneut meinen Reisepass vorzeigen muss. Beim vierten Posten werde ich nur noch gefragt, wo ich hin will. Mit der Antwort Istanbul gibt er sich zufrieden und winkt mich durch. Eine solch zeitaufwändige Prozedur hatte ich bisher an keiner Grenze.
Die anschließende Strecke bis nach Istanbul ist ziemlich langweilig. Was mir jedoch auffällt, ist das plötzlich die Vegetation genauso aussieht, wie in Deutschland. Es sind weit und breit keine Olivenbäume mehr zu sehen und stattdessen Nadel- und Laubbäume wie in Deutschland. Auch der Ackerbau ähnelt sehr den Feldern in Deutschland. Würde sich die Architektur der Häuser nicht von Deutschland unterscheiden, könnte man meinen ich fahre irgendwo in Deutschland durch ein ländliches Gebiet. Ich frage mich, ob das schon vor der Grenze so war und ich nur nicht bemerkt hatte, oder ob das tatsächlich schlagartig nach der Grenze so ganz anders aussieht.
Leider ist inzwischen auch das Wetter wie in Deutschland, so dass ich immer mehr anfange zu frieren. Ich mache also einen kurzen Stopp an einer Tankstelle und ziehe mir eine weitere Jacke drunter, meine warmen Handschuhe an und eine Mütze unter den Helm.
Dann geschieht das, was ich schon fast befürchtet habe: Ich komme an eine Mautstelle – habe aber überhaupt kein Geld in Landeswährung. Doch zu meiner großen Überraschung gibt es überhaupt keinen Schalter, wo man bezahlen könnte, sondern offenbar nur Durchfahrten mit irgend welchen elektronischen Karten. Zu meinem Glück ist unmittelbar vor der Mautstelle eine Polizeikontrolle. Also halte ich dort an und frage einen der Polizisten, wo ich bezahlen kann. Leider spricht der kein Wort Englisch oder Deutsch. Zunächst winkt er einfach mit seinen Armen und deutet mir an, ich solle einfach durchfahren. Ich versuche ihm klar zu machen, dass ich keine dieser elektronischen Karte habe und erst eine kaufen müsse. Schließlich deutet er auf ein kleines Häuschen auf der anderen Seite der Autobahn. Doch ich suche vergeblich nach einer Stelle, wo ich die vermutlich 12-spurige Mautstelle überqueren könnte, da überall Zäune dazwischen gespannt sind. Also muss ich erneut den Polizisten fragen, wie ich dort rüber komme. Er deutet auf einen kleinen Feldweg, hinter seinem Polizeiwagen. Ich kann nur vermuten, dass er irgendwo zu einer Unterführung führt, da ich auch keine Brücke entdecken kann. Also wende ich mein Motorrad auf der Autobahn und fahre die 50 Meter zurück, am Polizeiwagen vorbei auf den Feldweg. Und tatsächlich macht der hinter einem Hügel einen Bogen und führt unter der Autobahn durch auf die andere Seite. Dort angekommen, stelle ich mein Motorrad ab und betrete das kleine Häuschen. Die Dame hinter dem Schalter spricht ebenfalls kein Wort Englisch oder Deutsch. Doch es gelingt mir, ihr klar zu machen, dass ich eine dieser elektronischen Karten kaufen möchte. Als ich frage, ob ich auch mit der Kreditkarte zahlen kann, verneint sie. Das ist nicht Euer Ernst!? Direkt hinter der Grenze eine Mautstelle zu bauen, bei der man weder bar noch mit Kreditkarte zahlen kann, ist schon ein starkes Stück!
Als ich sie frage, was ich nun tun soll, winkt sie einfach mit den Armen und deutet – wie schon zuvor der Polizist – an, dass ich einfach durchfahren soll. Ich traue der Sache nicht – denn die Strafe für so was kostet in anderen Ländern meistens ein halbes Vermögen – und frage erneut, wie ich dann bezahlen kann. Daraufhin meint sie „Post PTT Istanbul“. Ich kapiere zwar nicht, wie das funktionieren soll, gebe mich aber schließlich geschlagen und steige total entnervt wieder auf mein Motorrad, fahre wieder rüber zur anderen Seite und brettere einfach durch die Mautstelle. Getreu dem Motto: Wird schon schief gehen.
Je näher ich Istanbul komme, umso dichter wird der Verkehr. Und was ich nun sehr schnell bemerke, fahren die Türken äußerst rücksichtlos und aggresiv. So werde ich gleich mehrfach, nicht nur von PKWs sondern auch von LKWs und sogar Bussen einfach abgedrängt, indem sie völlig rücksichtslos auf meine Spur wechseln, so dass ich scharf in die Eisen steigen muss, um nicht unter die Räder zu kommen.
So ziehen sich die letzten 50km bis nach Istanbul schier endlos und mein Hintern schmerzt inzwischen so, dass ich bei jeder Gelegenheit wenn der Verkehr mal etwas langsamer wird, aufstehe und eine Weile im Stehen fahre.
Als ich schließlich laut meinem Navi an der Adresse meines Apartments ankomme, ist es bereits dunkel.
Doch zu meiner Verwunderung finde ich an der angegebenen Adresse, statt dem Apartmenthaus nur ein kleines Bus-Unternehmen.
Als ich in den nahen Geschäften nach Rat suche, scheint dort erneut niemand Englisch oder Deutsch zu sprechen.
Völlig Rat los, laufe ich zurück zu meinem Motorrad. Genau in dem Moment biegt ein Bus auf den Parkplatz des Bus-Unternehmens. Also laufe ich zu dem jungen Busfahrer und zeige ihm die Adresse auf meinem Handy. Natürlich spricht auch er kein Wort Englisch oder Deutsch, macht mir aber deutlich, dass ich ihm folgen soll. Er führt mich zu seinem Boss und zwei anderen Angestellten, die natürlich alle auch kein Englisch oder Deutsch sprechen. Doch immerhin diskutieren sie nun sehr lebhaft zu viert, wo wohl mein Apartment zu finden sei.
Nach einiger Suche im Internet zeigt mir der Boss auf Google-Maps schließlich den Ort, wo sich wohl mein Apartment befinden soll. Dumm nur, dass das ca. 12km entfernt, in einem völlig anderen Viertel von Istanbul ist.
Also steige ich erneut auf mein Motorrad und fahre durch das nächtliche Istanbul durch den dichten Verkehr, zur neuen Adresse.
Wie sich dann herausstellt liegt mein Apartment nordwestlich vom Taksim-Platz, im Viertel Sisli, an einem recht steilen Hang. Im engen Wirrwar von Einbahnstraßen fahre ich auch prompt gleich zweimal an der richtigen Abzweigung vorbei, so dass ich erst nach ein paar Ehrenrunden schließlich beim Apartment ankomme.
Zum Glück, liegt da Apartment jedoch in einer recht ruhigen Seitenstraße, so dass ich mein Motorrad zum Entladen direkt vor der Haustür parken kann. Ein junges Mädchen öffnet mir die Tür und heisst mich auf erstaunlich gutem Englisch herzlich willkommen. Sie überreicht mir den Schlüssel und einige Karten, der U-Bahn, der Fähren und der Sehenswürdigkeiten. Dann erklärt sie mir noch, dass man den Taxifahrern nicht trauen könne und ich sie auf jeden Fall anrufen soll, wenn ich mit dem Taxi fahren möchte, damit sie dem Fahrer drohen könne, mich ja nicht abzuzocken. Ok gut, Taxifahren fällt dann wohl besser flach.
Ich hole mein Gepäck vom Motorrad und da das Apartment im Erdgeschoss liegt, muss ich es zum Glück auch nicht weit schleppen.
Dann parke ich mein Motorrad gut 20 Meter entfernt an einem Zaun, wo auch einige andere Autos parken.
Das Apartment besteht aus einem Zimmer mit einem Esstisch und einer Schlaf-Couch, nebenan befindet sich ein kleines WC. Durch einen kurzen Gang geht es in das zweite Zimmer mit einem großen Doppelbett. Auf der anderen Seite befindet sich dann noch eine kleine Küche in deren Ecke sich seltsamer Weise auch die Dusche befindet. Eine seltsame Aufteilung, aber alles vorhanden was man so braucht.
Völlig erschöpft falle ich ins Bett und schlafe sofort ein.

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